Eine Kröte als Heldin und die Prinzessin als das Böse – „Dornenhecke“ von T. Kingfisher
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Rezensionsexemplar
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher ist eine kurze, aber eindrucksvolle Fantasy-Novelle, in der die Autorin ein klassisches Märchenmotiv einmal durchschüttelt und die Rollen neu verteilt: Statt der schlafenden Prinzessin steht eine ungewöhnliche Heldin im Mittelpunkt, und statt des heldenhaften Ritters ein eher zögerlicher Retter. Gut gegen Böse und Böse gegen Gut. Alles verpackt in einer märchenhaften, aber zugleich nachdenklichen und düsteren Erzählung.
Allgemeine Informationen

Titel: „Dornenhecke – Nicht alle Flüche sollten gebrochen werden“
Originaltitel: „Thorn Hedge“
Autor/-in: T. Kingfisher
Übersetzer/-in: Elena Helfrecht
Verlag: Cross Cult
Erscheinungstermin: Oktober 2025
Umfang Print: ca. 140 Seiten
ISBN Hardcover: 978-3-98666-734-4
Genre: (Dark) Fantasy, Horror
Altersempfehlung: ab 16 Jahre+
Klappentext
Dornenhecke erzählt von einer krötigen Heldin mit einem Herz aus Gold, einem liebenswerten Ritter und einer Mission, die komplett in die Hose geht …
Es war einmal eine Prinzessin, die in einem Turm festsaß.
Diese Geschichte handelt nicht von ihr.
Kurz nach ihrer Geburt wird Krötling von den Feen entführt. So wächst sie zwar fern von ihrer Familie, doch geliebt und geborgen in den warmen Wassern des Feenlandes auf. Eines Tages wenden sich die Feen mit einer Bitte an sie: Sie soll in die Menschenwelt zurückkehren, um ein Neugeborenes mit einem schützenden Segensspruch zu bedenken. Klingt einfach, oder?
Doch bei den Feen ist nichts jemals einfach.
Jahrhunderte später nähert sich ein Ritter einer hohen Dornenhecke, deren Stacheln so scharf wie Schwerter und dick wie Unterarme sind. Wie er gehört hat, gibt es hier einen Fluch zu brechen – einen Fluch, den Krötling mit aller Macht aufrechterhalten will …
(Quelle: Cross Cult)



In der Anfangszeit war die Dornenhecke beunruhigend auffällig gewesen.
Erster Satz
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
STORY
Die Ausgangslage ist bewusst vertraut: Ein Turm versteckt hinter einer massiven Hecke aus gefährlichen Dornen. Eine schlafende und schöne Prinzessin im Inneren. Doch dies ist nicht ihre Geschichte. Stattdessen begleiten wir Krötling, ein ursprünglich von Feen entführtes kleines Mädchen, das in der Anderswelt aufwächst, fern von der Menschenwelt. Und diese Umstände haben aus einem Menschenmädchen ein krötenähnliches Feenwesen geschaffen. Lange nach ihrer Entführung und ihrem Aufwachsen wird sie beauftragt, in die Menschenwelt zurückzukehren, um dort ein Neugeborenes zu segnen.
Wesen mit gutem Herzen würden wohl kaum ein Neugeborenes entführen, um den Eltern die eigene Brut unterzuschieben. Um Unheil zu stiften, werden nur die Niederträchtigen losgeschickt.
Kapitel 4, S. 76
Und um ihnen Einhalt zu gebieten, schickt man die Pflichtbewussten.
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Schnell wird allerdings klar, dass es nicht einfach nur ein feenhafter Segen ist, sondern eine schwerwiegende Aufgabe, von der alles abhängt. Jahrhunderte später wacht Krötling immer noch über die Prinzessin, gerät in einen Konflikt mit einem Ritter, der den Turm, die Dornenhecke und das „Problem“ lösen will. Und damit beginnt eine Geschichte voller Erwartungen, Irrtümer und den Überlegungen, was ein Wesen ausmacht.
Für mich ein fantastisches Leseerlebnis, durch die düstere Stimmung (und einige Szenen sind alles andere als harmlos oder beschönigt), den kompletten Rollentausch und das Aufbrechen bestimmter Klischees wie „Die Schönen sind die Guten“ oder „Blut wird immer dicker als Wasser sein“. Ich bin großer Märchenfan und fand diese Neuinterpretation wirklich toll, auch die brutale Darstellung von Feenwesen wie sie aus alten Legenden stammen passte gut dazu.
SETTING
Die Schauplätze sind genauso düster und märchenhaft wie der erzählerische Teil. Ein brutales und magisches Feenreich, die verwunschene, aber tödliche Dornenhecke, der abgeschottete Turm, und eine Welt im Wandel. Krötling harrt jahrhundertelange an der gleichen Stelle aus und beobachtet aus der Ferne die Veränderungen der Umwelt und der Menschheit. Auch Magie ist ein großer Teil, denn Krötling kann sich passend zu ihrem Namen in eine Kröte verwandeln, als welche sie die meiste Zeit versteckt lebt.
„In der sterblichen Welt sind fünf Tage vergangen, seit du gestohlen wurdest.“
Kapitel 3, S. 44
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Die vermittelte Stimmung und die Geschichte wird nicht episch im Sinne von High Fantasy dargelegt, sondern fokussiert (immerhin ist es eine Novelle, ausführliche Umschreibungen passen da also nicht zum Umfang), persönlich und atmosphärisch passend. Trotz der eigentlichen Gebundenheit des Schauplatzes schafft Kingfisher aber durch Rückblicke und guten Schilderungen Abwechslung einzubringen. Auch an Themen mangelt es definitiv nicht: Pflicht und Schuld, Gut und Böse, Anderssein und Isolation, Schicksal.
CHARAKTERE
Krötling
Die Fee war grünlich-braun wie ein Pilzstil, und wenn sie sich stieß, wurde ihre Haut blauschwarz wie die Unterseite einer Röhrlingskappe. Sie hatte ein breites, froschähnliches Gesicht und Haar wie Nixenkraut. Weder war sie so schön noch so scheußlich, wie man es dem Feenvolk gern nachsagt.
Kapitel 1, S. 6
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Krötling ist vielleicht eine der herausragendsten Figuren, von der ich seit langem lesen durfte. Sie ist nicht die holde Maid, überaus talentiert und von unsagbarer Schönheit. Überhaupt nicht, mehr ist sie eine eher kauzige, im Feenreich aufgewachsene Gestalt mit ungewöhnlichem Aussehen und einem weichen Herzen.
Krötling war noch keine Stunde auf der Welt gewesen, da hatten die Feen sie schon entführt.
Kapitel 3, S. 35
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Wir erfahren, dass Krötling eigentlich ein geborenes Menschenkind ist, welches aber direkt nach ihrer Geburt von Feen entführt und gegen ein Wechselbalg ausgetauscht wurde. So wächst das menschliche Kind inmitten von – eigentlich – kinderfressenden und abschreckenden, brutalen Wasserfeen auf. Doch Krötling haben sie in ihrer Familie aufgenommen und so wächst sie inmitten dieser Wesen sonderbar, aber für Krötling liebevoll und fürsorglich auf. Durch diesen Umstand und der Magie, sieht Krötling eben aus, wie sie aussieht und nicht mehr ganz menschlich.
Eine waschechte Fee – das heißt, eine gebürtige – hätte in den kleinsten dieser Schatten schlüpfen und unsichtbar wie Spinnweben werden können.
Kapitel 1, S. 14
Über derlei Talente verfügte sie bedauerlicherweise nicht. Sie konnte mit ihren bloßen Füßen nur möglichst leise auftreten und verräterischen Zweigen und Blättern ausweichen.
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Krötling ist ein Charakter, der für eine Pflicht auserwählt wird, für die sie eigentlich weder bereit ist noch antreten will. So kämpfen über sehr lange Zeit Krötlings Pflichtbewusstsein mit ihren eigenen Wünschen. Erst im Laufe der Erzählung scheint sich etwas in ihr wirklich zu bewegen, die Sicht auf sich selbst und andere, das was wichtig ist und was nicht und am wichtigsten: Ihr eigeness Leben, ihre Identität und ihre Wünsche.
Der Ritter
„Entschuldige, das war nicht nett. Du hast mich zum Gehen aufgefordert und ich wäre ein schlechter Ritter und Muslim, würde ich gegen den ausdrücklichen Wunsch einer Dame bleiben.“
Kapitel 2
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Halim ist der Ritter, der Krötlings jahrhundertelange Ruhe durcheinanderbringt. Ganz untypisch ist er ein sehr ruhiger, eigentlich friedliebender und belesener Mann. Er hat in einem sehr alten Buch über die verwunschene Prinzessin gelesen und möchte den angeblichen Fluch brechen. Als er den Turm erreicht, scheint noch nicht allzu viel Tiefgründigkeit durch.
Er war nicht besonders gut aussehend, hatte dafür aber freundliche Augen und entschuldigte sich jedes Mal, wenn er fluchte. Außerdem hing er an seiner Mutter und hatte es als äußerst unhöflich empfunden, einem Krötenmädchen Salz und Moly ins Gesicht zu schleudern.
Epilog, S. 127
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Doch Kingfisher gibt ihm Tiefe: Halim hinterfragt sein Handeln, hat Mitgefühl, zeigt Verunsicherung und auch, dass Helden nicht makellos sind. Ein überaus „positiver“ Punkt, der mir im Gedächtnis blieb, war, dass er Krötling aufgrund ihrer sanften und ehrlich gutmütigen Art mochte. Er ist sehr ehrlich zu ihr, dass ihr Aussehen keineswegs Schönheitsideale erfüllt, aber ihr Wesen mehr als genug ist und Äußerlichkeiten nicht das Wichtigste sind.
„Aber ich bin keine schöne Maid, die von einem tapferen Recken gerettet werden müsste. Ich bin ja noch nicht einmal schön.“
Kapitel 4, S. 55
„Nein, das nicht. Ich weiß, eigentlich sollte ich dir da widersprechen – das wäre nur galant. Aber ich bin auch nicht besonders gut aussehend, und reich ebenso wenig. Niemand würde mir in die Schlacht folgen. […] Außerdem bist du…ähm.“ Er zuckte mit den Schultern. „Interessant. Und traurig.“
Traurig war Krötling schon lange – aber als interessant hatte sie sich noch nie betrachtet.
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Nebenfiguren
Da war sie, eingerollt auf dem Bett, das goldene Haar aufgefächert. Langsam hob und senkte sich ihre Brust und auf ihren Lippen zeichnete sich ein schwaches Lächeln ab.
Kapitel 2, S. 33
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Nebenfiguren wie die Feen, Figuren aus der Vergangenheit und die „schlafende“ Prinzessin Fayette spielen eine wichtige Rolle, wenn auch in eher symbolischer oder handlungstreibender Funktion. Die Feen etwa sind nicht durchweg böse. Wie bei den Menschen gibt es auch hier Gut und Böse, selbst unter menschenfressenden Feenwesen sind nicht alle abgrundtief verdorben. Von manchen ist es einfach die Natur. Aber ihre Wünsche, ihr Spiel mit Zeit und den Menschen sind rätselhaft, teils wirklich böse und von den Menschen gefürchtet. Es waren tolle Figuren dabei, von denen ich gerne mehr erfahren und gelesen hätte.
Weder wurde sie von den Knochenschmieden geschnappt noch von blutrünstigen Kobolden in Stücke gerissen noch wuchs sie am Hof eines Großfürsten auf.
Kapitel 3, S. 35f.
Stattdessen warf man sie den Grünzähnen vor – glitschigen Sumpfwesen, die unachtsame Schwimmer verschlingen. Kleine Jungs fressen sie ausnahmslos, nur kleine Mädchen werden manchmal verschont.
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Die Charakterentwicklung – insbesondere von Krötling – war für mich glaubwürdig und emotional spürbar. Dennoch darf man nicht vergessen, dass die Geschichte aufgrund der Gattung der Novelle so kompakt ist, dass manche Entwicklungen eher angedeutet als vollständig ausgearbeitet wirken. Da ich aber in vollem Bewusstsein der Eigenschaften einer Novelle an die Geschichte herangetreten bin, war das für mich kein negativer Punkt.



Schreib- und Erzählstil
Kingfisher schreibt mit einer Mischung aus Wortwitz, ruhiger Erzählung und feinen psychologischen Nuancen. Wir erhalten skurile und erheiternder Szenen, brutale und fantastische Szenen sowie Gedanken und Handlungen, die zum Nachdenken anregen. Die Stimmung kam für mich durchweg richtig gut rüber. Hier muss man definitiv hervorheben, dass das bei der Kürze der Geschichte durchaus eine Kunst ist.
„Wechselbälger sind ein schlimmer Frevel – gegen uns und gegen die Kinder selbst, wie ich glaube. Die großen Herrscherfamilien stehlen einander die Säuglinge, weil sie es lustig finden, das Kind eines Rivalen in die Wiege eines Menschenpaars zu legen. Manchmal bestrafen sie auch einen ungehorsamen Vasallen, der dann sein Kind hergeben muss. Und diese Feenkinder wachsen dann mit Metall auf, das sie verbrennt, und Essen, das nach nichts schmeckt. Sie sehen, was sonst niemand sieht, und spüren, dass die Welt eigentlich ganz anders sein sollte.“
Kapitel 7, S. 101
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher
Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir natürlich mehr davon gewünscht. Längere Geschichte, mehr Details und noch mehr Tiefe. Aber: Die Formen einer Novelle grenzen so etwas nun einmal ein. Dessen sollte man sich vorab bewusst sein, dann kann man meiner Meinung nach ein fantastisches Leseerlebnis haben.
Optik & Haptik
Die deutsche Ausgabe von „Dornenhecke“ erschien in einem wunderschönen kleinformatigen Hardcover im Cross Cult Verlag. Das Cover auf dem Schutzumschlag ist in Lila, Schwarz und gold/gelb gehalten, was absolut meine Farben sind. Auch motivtechnisch erkennt man direkt durch die Dornen, die Anspielung auf Dornröschen. Verfeinert jedoch mit den Elementen wie einem Krötenauge oder der Krone passend zur Geschichte.
„Ich weiß, wie schwer das alles zu glauben ist. Ich bin potthässlich und sie ist bildschön. Warum solltest du der Fee glauben und nicht dem Mädchen? In allen Geschichten ist es andersrum richtig.“
Kapitel 7S. 103
„Dornenhecke“ von T. Kingfisher



Das Hardcover unter dem Schutzumschlag sieht genauso wunderschön aus. Lila mit Goldfolie. Ein goldenes Lesebändchen gibt es auch noch dabei. Die Innengestaltung ist ebenfalls schön durchdacht. Es finden sich einzelne Seiten zwischen den Kapiteln, die dunkel mit Dornengestrüpp bedruckt sind, was eine kleine und schöne Gestaltungsmöglichkeit zur Aufwertung ist. Die Endpaper bestehen aus lila Motiven (Dornengestrüpp, einer Kröte und Krötenaugen) auf leicht gelblichem Hintergrund. Übrigens ziert jeden Kapitelanfang eine Kröte.
Mein Fazit
„Dornenhecke“ ist eine fantastische, düstere und intelligente Novelle, die Märchenmotive neu interpretiert und mit Herz, Magie und einer Prise Melancholie erzählt. Wer klassische „Dornröschen“-Geschichten kennt, wird hier überrascht: Statt böser Fee, die die Heldin verflucht und einer Heldenreise à la „Ritter rettet Maid“ bekommt man eine unkonventionelle Heldin, Reflexion über Pflicht, Anderssein und das Überdenken heroischer Mythen.
Für mich war die Geschichte ein tolles Highlight, das ich sehr schnell verschlungen hatte. Atmosphäre, Umfang, Geschichte – alles passte für mich. Hier allerdings auch der Hinweis an Interessierte: Bedenkt, dass es sich hierbei um eine Novelle handelt. Das heißt, dass eventuell gewünschte Tiefgänge, Ausführlichkeiten o.Ä. nicht stattfinden können. Wenn man das allerdings im Kopf behält, kann einem das zumindest nicht die Lesefreude trüben.
Statt actiongeladener Fantasy erwartet euch hier ein stimmungsvolles, gut durchdachtes Setting, abwechslungsreiche Charaktere und eine Geschichte, die vor allem durch Emotion und Atmosphäre lebt.
Eine sehr empfehlenswerte Lektüre für Fans von modernen Märchen, für jene, die überraschende Perspektiven suchen, und für Lesende, die gerne einmal etwas kürzere Lektüre möchten. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer kleinen, aber durchaus bedeutenden Geschichte belohnt.
⭐⭐⭐⭐⭐
(5/5)
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